Neu-Delhi. Aus einem Newsletter der russischen Botschaft fällt eine Zahl besonders auf: Russlands Bruttoinlandsprodukt sei von 2023 bis 2025 um 10,3 Prozent gestiegen. Präsident Wladimir Putin nannte diese Zahl beim BRICS-Wirtschaftsforum in Neu-Delhi. Ein Abgleich mit den aktuellen Daten der Weltbank zeigt: Die Größenordnung stimmt.
4,1 plus 4,9 plus 1,0 Prozent
Die Weltbank weist für Russland reales Wirtschaftswachstum von 4,1 Prozent im Jahr 2023, 4,9 Prozent 2024 und 1,0 Prozent 2025 aus. Weil sich Wachstumsraten auf das jeweils bereits veränderte Vorjahresniveau beziehen, werden sie für einen Dreijahresvergleich nicht einfach addiert.
| Jahr | Reales BIP-Wachstum |
|---|---|
| 2023 | +4,1 % |
| 2024 | +4,9 % |
| 2025 | +1,0 % |
| Kumuliert 2023–2025 | rund +10,3 % |
Rechnerisch ergeben die Weltbankwerte rund 10,29 Prozent. Putins 10,3-Prozent-Angabe lässt sich damit unabhängig nachvollziehen.
Der Dreijahreswert verdeckt die Abkühlung
Der kumulierte Wert sagt allerdings wenig darüber aus, wie sich die russische Wirtschaft aktuell entwickelt. 2025 lag das Wachstum nach Weltbankdaten nur noch bei 1,0 Prozent. Gleichzeitig betrug die Verbraucherpreisinflation 8,7 Prozent. Für die Arbeitslosigkeit nennt die Weltbank auf Basis einer modellierten ILO-Schätzung 2,1 Prozent für 2025; Putin sprach von 2,3 Prozent. Unterschiedliche Datensätze und Stichtage können hier zu Abweichungen führen.
Damit ist weder belegt, dass Sanktionen wirtschaftlich wirkungslos geblieben sind, noch dass Russland wirtschaftlich isoliert wurde. Das Bruttoinlandsprodukt bildet die gesamte Wirtschaftsleistung ab. Sanktionen können zugleich einzelne Branchen, Technologien, Finanzierung, Energieerlöse und Außenhandel treffen.
Der Handel mit der EU ist massiv eingebrochen
Beim Handel mit der Europäischen Union ist der Einschnitt deutlich. Nach Angaben der EU-Kommission belief sich der Warenhandel zwischen EU und Russland 2021 noch auf 257,5 Milliarden Euro. 2025 waren es nur noch 58,1 Milliarden Euro.
2020 war die EU noch Russlands größter Handelspartner. 2025 lag sie nach Angaben der Kommission nur noch auf Platz drei und stand für 10,2 Prozent des russischen Warenhandels. Auch daran lässt sich ablesen: Die wirtschaftlichen Beziehungen zum Westen sind nicht unverändert weitergelaufen.
Die EU beschreibt das Ziel ihrer Sanktionen ausdrücklich damit, Russlands wirtschaftliche Basis, den Zugang zu kritischen Technologien und die Fähigkeit zur Finanzierung des Krieges gegen die Ukraine einzuschränken. Im Juli 2026 beschloss der Rat bereits das 21. Sanktionspaket, unter anderem mit weiteren Maßnahmen gegen Energie, Finanzdienstleistungen, Schiffe der sogenannten Schattenflotte und Einrichtungen außerhalb der EU.
Russlands Handel ist nicht verschwunden. Er hat sich verlagert.
Während der Handel mit der EU zurückging, gewannen andere Partner erheblich an Bedeutung. Besonders sichtbar ist das bei China und Indien.
Der Warenhandel zwischen China und Russland erreichte 2025 nach chinesischen Zolldaten rund 228,1 Milliarden US-Dollar. Das waren zwar 6,9 Prozent weniger als 2024 und der erste Rückgang seit fünf Jahren. Das Volumen blieb dennoch sehr groß.
Mit Indien nähert sich der bilaterale Handel nach Angaben der indischen Regierung 70 Milliarden US-Dollar. Beide Seiten haben sich ein Ziel von 100 Milliarden Dollar bis 2030 gesetzt. Energie spielt dabei eine zentrale Rolle. Im Juli 2026 kamen nach von Reuters ausgewerteten Handelsdaten 50,83 Prozent der indischen Rohölimporte aus Russland. Der außergewöhnlich hohe Anteil hing zusätzlich mit Lieferstörungen im Nahen Osten zusammen.
Diese Verschiebung ist nicht automatisch mit Sanktionsumgehung gleichzusetzen. China und Indien verfolgen eigene Sanktions- und Handelspolitiken. Zugleich versucht die EU inzwischen gezielt, Umgehungsstrukturen und Geschäfte über Drittstaaten zu erfassen.
BRICS: 40 Prozent – aber nach Kaufkraft
Auch bei den BRICS-Zahlen lohnt sich der Blick auf die Messmethode. Eine offizielle BRICS-Auswertung auf Grundlage von IWF-Daten bezifferte den Anteil der erweiterten Gruppe am weltweiten Bruttoinlandsprodukt für 2025 auf 40,7 Prozent. Für die G7 wurden 28,4 Prozent angegeben.
Der entscheidende Zusatz lautet: gemessen nach Kaufkraftparität, PPP. Diese Methode berücksichtigt, wie viele Waren und Dienstleistungen mit einer Währung im jeweiligen Land tatsächlich gekauft werden können. Sie eignet sich für Vergleiche realer Wirtschaftsleistung, ist aber nicht dasselbe wie ein Vergleich des nominalen BIP zu Marktwechselkursen.
Wer schreibt, BRICS stehe für rund 40 Prozent der Weltwirtschaft, sollte diesen Zusatz deshalb nennen. Ohne ihn wirkt die Zahl eindeutiger, als sie methodisch ist.
Neu-Delhi setzt weiter auf wirtschaftliche Zusammenarbeit
Der 18. BRICS-Gipfel fand am 12. und 13. September 2026 in Neu-Delhi statt. In der gemeinsamen Erklärung bekräftigten die Mitgliedstaaten ihre Zusammenarbeit in Politik und Sicherheit, Wirtschaft und Finanzen sowie im kulturellen Bereich. Zugleich fordern sie eine stärkere Rolle von Schwellen- und Entwicklungsländern in internationalen Institutionen.
Für Russland ist diese Struktur wirtschaftlich relevant, weil einige der wichtigsten Abnehmer und Handelspartner außerhalb des westlichen Sanktionsraums zugleich BRICS-Staaten sind.
Was die Zahlen zeigen
Die 10,3 Prozent lassen sich mit den aktuellen Weltbankdaten rechnerisch bestätigen. Aber die Zahl allein beweist auch nicht, dass Sanktionen folgenlos geblieben sind.
Russland ist weiter gewachsen, während sich seine Handelsgeografie stark verändert hat. Der Handel mit der EU ist eingebrochen. China und Indien sind zentrale Partner. Zugleich ist das Wachstum 2025 deutlich abgeflacht und die Inflation hoch geblieben.
Die Daten tragen deshalb zwei einfache Erzählungen nicht: Russland ist wirtschaftlich nicht vom Welthandel abgeschnitten. Die Sanktionen sind aber ebenso wenig ohne messbare Folgen geblieben.