BRAKE/NORDWEST. Deutschland soll im Bündnisfall als logistische Drehscheibe dienen. Nach Angaben der Bundeswehr umfasst der sogenannte Host Nation Support unter anderem Verkehrsleitung, Transport und Umschlag auf Straße und Schiene sowie in See- und Flughäfen. Auch Unterbringung, Betankung, Instandhaltung und medizinische Versorgung gehören dazu. Die Bundeswehr erklärt zugleich, dass diese Leistungen ohne zivil-gewerbliche Partner nicht in der erforderlichen Größenordnung erbracht werden könnten. Quelle: Bundeswehr, Operationsplan Deutschland

Für den Nordwesten wird diese abstrakte Planung konkret. Oberst Thomas Geßner, Kommandeur des Landeskommandos Bremen, bezeichnete die Region 2026 als „Schlüsselregion Nordwest“ und als zentrales Aufmarschgebiet. Gute und möglichst redundante Straßen- und Schienenverbindungen sowie medizinische Infrastruktur seien dafür erforderlich. Uwe Oppitz, Gruppengeschäftsführer von Rhenus Ports, erklärte im selben Interview, zwischen Emden und Cuxhaven sei der Umschlag von Militärgütern seit Jahren Praxis. Das gelte auch für Gefahrgutklasse 1, also explosive Stoffe. Quelle: LOGISTICS PILOT, Ausgabe 2/2026

Nordenham: dokumentierte US-Munitionslogistik

Im Oktober 2016 wurden im Hafen Nordenham mehr als 620 Container mit Munition der US Army und US Air Force auf Eisenbahnwaggons verladen und zum Munitionsdepot Miesau weitertransportiert. Die US Army bezeichnete die Lieferung als größte von ihr organisierte Munitionslieferung nach Europa seit mehr als zwei Jahrzehnten. Quelle: US Army

Ein Bericht des US-Verteidigungsministeriums aus dem Jahr 2024 zeigt, dass Nordenham weiterhin in militärischen Logistikabläufen auftaucht. Prüfer besichtigten dort Hafenoperationen, bei denen Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums Class-V-Munition übernehmen. Welche Mengen und in welcher Häufigkeit dort zuletzt umgeschlagen wurden, geht aus dem Bericht nicht hervor. Quelle: US-Verteidigungsministerium, Bericht 2024

Brake: militärischer Hafenumschlag praktisch geübt

Im Juni 2022 nutzte die Bundeswehr den zivilen Binnenhafen Brake für die Übung „Starker Pegasus“. Das Logistikbataillon 163 RSOM trainierte dort die Be- und Entladung schwerer Militärfahrzeuge per Kran. Insgesamt nahmen knapp 1.000 Soldaten an fünf Standorten an der Übung teil. Hafenbehörden und Feuerwehr unterstützten den Braker Teil der Übung. Quelle: Bundeswehr, Starker Pegasus 2022

RSOM steht für Reception, Staging and Onward Movement: Personal und Material werden aufgenommen, zusammengeführt und anschließend in den vorgesehenen Einsatzraum weitergeleitet. Genau dieser Prozess ist für große Truppenverlegungen von zentraler Bedeutung.

Emden, Wilhelmshaven und Bremerhaven

Auch andere Häfen im Nordwesten werden regelmäßig militärisch genutzt. In Emden wurden für NATO- und Bundeswehrübungen Fahrzeuge und Material verschifft. Wilhelmshaven wurde 2026 für einen dokumentierten US-Munitionsumschlag genutzt. Bremerhaven ist seit Jahren ein wichtiger Umschlagplatz für amerikanisches Militärgerät.

Die einzelnen Standorte erfüllen dabei unterschiedliche Aufgaben. Eine öffentlich zugängliche vollständige Karte der vorgesehenen Häfen und Transitrouten des Operationsplans Deutschland existiert nicht.

Private Betreiber gehören ausdrücklich zum Konzept

Die militärische Nutzung bedeutet nicht, dass zivile Häfen zu Militärhäfen werden. Der entscheidende Punkt ist vielmehr ihre Doppelnutzung.

Zivile Hafenanlagen verfügen bereits über Kräne, RoRo-Rampen, Lagerflächen, Bahnanschlüsse, Gefahrgutkompetenz und Personal. Im Krisen- oder Bündnisfall sollen solche Kapazitäten nach der öffentlich beschriebenen OPLAN-Logik auch für militärische Verlegungen zur Verfügung stehen. Die Bundeswehr bezeichnet zivil-gewerbliche Partner ausdrücklich als notwendig. Quelle: Bundeswehr, Operationsplan Deutschland

Der Rhenus-Manager Oppitz beschreibt diesen Zusammenhang selbst offen: Die Bundeswehr stehe mit den Hafenbetreibern im regelmäßigen Austausch über Leistungsfähigkeit, Anschlussmöglichkeiten und vorhandene Infrastruktur. Quelle: LOGISTICS PILOT

Was offen bleibt

Öffentlich nachvollziehbar ist damit, dass militärische Logistik über zivile Häfen läuft und dass der Nordwesten dafür eine besondere Rolle spielt.

Nicht öffentlich sind dagegen die vollständigen operativen Planungen: konkrete zukünftige Transportzeiten, Mengen, Reihenfolgen und Routen.

Offen ist außerdem, welche privaten Betreiber an welchen Standorten konkrete militärische Aufträge übernehmen, welche vertraglichen Verpflichtungen bestehen und wie Kommunen, Katastrophenschutz und Gefahrenabwehr jeweils eingebunden werden.

Welche Unternehmen welche Leistungen übernehmen, wie Kommunen und Katastrophenschutz eingebunden sind und wo die öffentlich nachvollziehbare Planung endet, untersucht die Braker Zeitung im Dossier „Drehscheibe Nordwest“ Standort für Standort.

Unterlagen oder Hinweise zur Drehscheibe Nordwest?

Wer über belastbare Dokumente oder nachvollziehbare Informationen zu Hafenlogistik, Bahntransporten, militärischen Übungen, privaten Betreibern oder Katastrophenschutz im Nordwesten verfügt, kann sich vertraulich an die Redaktion wenden.