Wer im Rollstuhl sitzt, dessen Einschränkung ist für andere meist erkennbar. Wer dagegen unter chronischen Schmerzen, Multipler Sklerose, Autismus oder psychischen Erkrankungen leidet, sieht möglicherweise völlig gesund aus. Die Belastung ist deshalb nicht geringer. Mitunter kommt sogar eine weitere hinzu: der Zweifel anderer Menschen.
„Man sieht dir doch gar nichts an!“ Dieser Satz klingt zunächst harmlos. Für viele Betroffene bedeutet er jedoch, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen.
Darauf macht die Kreisbehindertenbeauftragte des Landkreises Wesermarsch, Anita Herrmann, anlässlich des „Tages der nicht sichtbaren Behinderungen“ am 20. Oktober aufmerksam.
„Eine nicht sichtbare Einschränkung mindert nicht den Anspruch auf ein gleichberechtigtes Miteinander“, betont Herrmann. Vielmehr erfordere der Alltag für viele Betroffene ein hohes Maß an Kraft.
Nicht jede Barriere hat eine Treppe
Bei Barrierefreiheit denken viele zuerst an Rollstuhlrampen, Aufzüge oder abgesenkte Bordsteine. Doch Hindernisse entstehen auch dort, wo baulich alles zugänglich erscheint.
Ein überfüllter Bus, grelles Licht im Supermarkt oder eine laute Veranstaltung können für Menschen mit bestimmten Erkrankungen oder einer ausgeprägten Reizempfindlichkeit erhebliche Belastungen darstellen.
Andere kämpfen mit Schmerzen oder plötzlicher Erschöpfung. Nicht jede Erkrankung bedeutet automatisch eine Behinderung. Entscheidend ist, welche Einschränkungen tatsächlich bestehen und wie sie sich auf den Alltag auswirken.
Das Problem: Was Außenstehende nicht erkennen, wird mitunter unterschätzt. Wer eine Pause benötigt, gilt schnell als wenig belastbar. Wer eine Situation verlässt, als unhöflich. Wer um Rücksicht bittet, muss erst erklären, warum.
Dabei ist eine Diagnose keine Eintrittskarte, die jemand vorzeigen muss, um ernst genommen zu werden.
Ein Aktionstag, der 2024 ins Leben gerufen wurde
Der 20. Oktober ist kein vom Landkreis Wesermarsch festgelegter Termin. Der Verein „gemeinsam zusammen e. V.“ rief den „Tag der nicht sichtbaren Behinderungen“ 2024 ins Leben. Am kommenden Dienstag wird er zum dritten Mal bundesweit begangen.
Eine offizielle internationale Anerkennung des Aktionstags ist bislang nicht nachgewiesen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband Niedersachsen teilte 2025 mit, dass eine entsprechende Anerkennung angestrebt werde.
Nicht zu verwechseln ist der Termin mit dem offiziellen Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen am 3. Dezember.
An der Bedeutung des Anliegens ändert der formale Unterschied nichts. Unsichtbare Einschränkungen sind kein Problem, das erst durch einen internationalen Gedenktag entsteht.
Unterstützung gibt es auch in Brake
Wer mit einer chronischen Erkrankung oder anderen Einschränkungen lebt, ist nicht allein auf das Verständnis seiner Umgebung angewiesen.
In der Wesermarsch vermittelt die Selbsthilfekontaktstelle des Paritätischen den Kontakt zu bestehenden Selbsthilfegruppen. Dort können Betroffene Erfahrungen austauschen, Unterstützung finden und sich über passende Angebote informieren.
Die Kontaktstelle befindet sich in der Hafenstraße 7 in Brake. Sie ist unter der Telefonnummer 04401 7065482 erreichbar. Die Beratung ist kostenlos und vertraulich.
Für Anita Herrmann beginnt Inklusion bereits im alltäglichen Umgang miteinander. Entscheidend sei, nicht vorschnell über Menschen zu urteilen, deren Einschränkungen von außen nicht erkennbar sind.
Denn eine Behinderung muss nicht sichtbar sein, um ernst genommen zu werden. Und Rücksichtnahme sollte nicht erst beginnen, wenn jemand seine Krankheit beweisen kann.


