Die Niederlage ist deutlich.

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erreichte die CDU nur noch 17,2 Prozent der Zweitstimmen. Gegenüber 2021 verlor sie fast 20 Prozentpunkte. Die AfD kam auf 43,8 Prozent.

Friedrich Merz machte anschließend deutlich, dass nach einer solchen Niederlage nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen werden könne. Gleichzeitig hielt er grundsätzlich an seinem politischen Kurs fest.

Besonders hängen blieb jedoch eine andere Aussage.

Merz erklärte, viele Menschen würden seinen Gedanken und seiner Beurteilung „nicht folgen, nicht folgen können oder nicht folgen wollen“. Es sei seine „Bringschuld“, dies künftig anders und besser zu vermitteln. Seine Grundüberzeugung ändere sich dadurch jedoch nicht.

Genau daran setzt ein auf Facebook veröffentlichter offener Brief an den Bundeskanzler an.

Der Verfasser dreht die Frage um: Was, wenn die Menschen sehr wohl folgen können?

Was, wenn sie verstanden haben, wohin die politische Reise gehen soll?

Was, wenn sie wissen, was längeres Arbeiten, zusätzliche Beiträge, Veränderungen bei der Rente, Einsparungen im Gesundheitswesen und Einschränkungen beim Zugang zu staatlichen Informationen für sie bedeuten?

Und was, wenn sie genau deshalb nicht zustimmen?

Vielleicht ist also nicht das Problem, dass die Menschen der Politik nicht folgen können. Vielleicht folgen sie ihr sehr genau und sind lediglich nicht damit einverstanden, wohin sie geführt werden sollen.

Dann reden wir nicht mehr über Kommunikation.

Dann reden wir über politische Ablehnung.

Die Bürger können rechnen

Politische Reformen werden gern mit großen Begriffen erklärt.

Demografischer Wandel. Wettbewerbsfähigkeit. Generationengerechtigkeit. Finanzierbarkeit. Wachstum. Konsolidierung.

Am Ende landet vieles davon aber bei einer einfachen Frage:

Was kostet mich das und was bekomme ich dafür?

Die Rentenkommission hat 2026 weitreichende Empfehlungen vorgelegt. Dazu gehören Veränderungen beim Renteneintritt, eine stärkere Kopplung der Altersgrenze an die Lebenserwartung sowie eine verpflichtende kapitalgedeckte Rentenkomponente.

Für Beschäftigte bedeutet das im Kern: zusätzliche Beiträge und perspektivisch längeres Arbeiten.

Man kann diese Vorschläge mit der Alterung der Gesellschaft begründen. Man kann auf weniger Beitragszahler und mehr Rentner verweisen. Man kann erklären, dass das System langfristig finanzierbar bleiben müsse.

Aber der Arbeitnehmer versteht trotzdem, was das für ihn bedeutet.

Länger arbeiten.

Zusätzlich einzahlen.

Später in Rente.

Dafür braucht niemand eine emotionalere Erklärung.

Auch aus der Union kommen entsprechende Forderungen nach längerer Arbeitszeit. CSU-Chef Markus Söder brachte sogar eine zusätzliche Arbeitsstunde pro Woche ins Spiel.

Auch hier gilt:

Man kann das wirtschaftspolitisch vertreten.

Aber wer es ablehnt, hat es nicht automatisch missverstanden.

Im Gesundheitswesen fehlen Milliarden

Dasselbe Bild zeigt sich bei der gesetzlichen Krankenversicherung.

Die Finanzierungslücken wachsen. Zusatzbeiträge steigen. Gleichzeitig wird über Einsparungen, Ausgabenbegrenzungen und strukturelle Reformen gesprochen.

Für die Menschen ist das keine abstrakte Haushaltszeile.

Sie sehen ihren Krankenkassenbeitrag.

Sie bezahlen Medikamente und Zuzahlungen.

Sie warten auf Arzttermine.

Sie erleben Versorgungslücken.

Und sie hören gleichzeitig, dass das System effizienter werden und Milliarden einsparen müsse.

Auch diese Botschaft ist nicht besonders kompliziert.

Die Menschen verstehen sie.

Die Löcher werden größer

Deutschland hat längst nicht nur in einzelnen Sozialkassen ein Finanzierungsproblem.

Der Staat verzeichnet hohe Defizite. Noch dramatischer ist die Lage vieler Kommunen. Dort fehlen Milliarden.

Und genau dort kommt Politik beim Bürger unmittelbar an.

Bei Schulen.

Bei Straßen.

Bei Schwimmbädern.

Bei Jugendangeboten.

Bei öffentlicher Infrastruktur.

Bei sozialen Einrichtungen.

Wenn dort gestrichen, geschlossen oder verschoben wird, hilft der Hinweis nur begrenzt, dass irgendein anderer Haushaltstitel formal nichts mit dieser konkreten Ausgabe zu tun habe.

Für den Bürger bleibt die politische Frage:

Wofür ist Geld da und wofür nicht?

Für die Ukraine stehen Milliarden bereit

Genau an diesem Punkt wird die Debatte unbequem.

Für 2026 sind im Bundeshaushalt allein rund 11,5 Milliarden Euro militärische Unterstützung für die Ukraine vorgesehen.

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges summieren sich zivile und militärische Unterstützungsleistungen Deutschlands auf viele weitere Milliarden.

Nicht jede dieser Milliarden ist eine direkte Überweisung nach Kiew. In den Summen stecken unterschiedliche Formen der Unterstützung.

Aber ebenso falsch wäre es, so zu tun, als handele es sich ausschließlich um Geld, das später vollständig zurückgezahlt werde.

Die Ukraine-Fazilität der Europäischen Union umfasst beispielsweise sowohl Kredite als auch Milliarden an nicht rückzahlbaren Zuschüssen.

Man kann diese Unterstützung außen- und sicherheitspolitisch für notwendig halten.

Man kann darauf verweisen, dass die Ukraine sich gegen einen russischen Angriffskrieg verteidigt und dass europäische Sicherheitsinteressen betroffen sind.

Aber damit ist die Frage nach politischen Prioritäten nicht erledigt.

Wenn Menschen im eigenen Land hören, dass bei Rente, Gesundheitsversorgung und öffentlichen Haushalten gespart, reformiert und zusätzlich belastet werden müsse, dürfen sie gleichzeitig fragen, warum für andere politische Ziele Milliarden bereitgestellt werden.

Der Hinweis auf unterschiedliche Töpfe beendet diese Diskussion nicht.

Haushalte sind Ausdruck politischer Prioritäten.

Und diese Prioritäten dürfen Bürger miteinander vergleichen.

Auch der Staat selbst kostet Geld

Gleichzeitig verschwindet der Staat nicht.

Neue Stellen, neue Zuständigkeiten, neue Behördenstrukturen und neue politische Funktionen kosten ebenfalls Geld.

Dass zusätzliche Stellen beispielsweise bei Bundespolizei, Zoll, Bundeswehr oder Katastrophenschutz sachlich notwendig sein können, steht außer Frage.

Aber auch begründete Stellen müssen bezahlt werden.

Deshalb ist die Gegenfrage legitim:

Wenn Bürger länger arbeiten, zusätzliche Beiträge aufbringen und Einschnitte akzeptieren sollen, wo spart der Staat selbst?

Und legt er an sich denselben Maßstab an, den er von den Bürgern verlangt?

Das ist keine Neiddebatte.

Das ist eine Frage politischer Glaubwürdigkeit.

Und ausgerechnet jetzt soll der Informationszugang enger werden

Besonders weitreichend ist ein weiterer Punkt des offenen Briefes.

Das Informationsfreiheitsgesetz.

Der bisherige Grundgedanke ist einfach: Bürger können staatliche Informationen verlangen, ohne grundsätzlich zuerst erklären zu müssen, warum sie diese Informationen überhaupt haben möchten.

Nach den diskutierten Reformüberlegungen soll der Informationszugang künftig stärker auf identifizierte natürliche Personen ausgerichtet werden, die ein „berechtigtes Interesse“ an der gewünschten Information haben.

Das verändert den Grundgedanken.

Heute lautet die Ausgangslage grundsätzlich:

Der Bürger darf wissen wollen, was der Staat tut.

Künftig könnte stärker die Frage davorstehen:

Warum wollen Sie das überhaupt wissen?

Informationsfreiheit ist aber kein lästiger Zusatzservice einer Behörde.

Sie ist ein Instrument demokratischer Kontrolle.

Der offene Brief formuliert diesen Gedanken treffend: Demokratie lebt nicht davon, dass Bürger einer Regierung glauben müssen. Sie lebt davon, dass Bürger Regierungshandeln kontrollieren können.

Gerade deshalb fällt die politische Reihenfolge auf:

Mehr arbeiten.

Später in Rente.

Zusätzliche Beiträge.

Milliardenlöcher in Sozialkassen und öffentlichen Haushalten.

Milliarden für internationale und militärische Verpflichtungen.

Und gleichzeitig eine Diskussion darüber, den Zugang zu staatlichen Informationen enger zu fassen.

Wer darin einen Widerspruch sieht, hat Politik nicht automatisch falsch verstanden.

Vielleicht ist die Verpackung gar nicht das Problem

Merz spricht von einer „Bringschuld“.

Von besserer Erklärung.

Von besserer Vermittlung.

Doch politische Kommunikation hat Grenzen.

Ein späterer Renteneintritt bleibt ein späterer Renteneintritt, auch wenn man ihn besser erklärt.

Ein zusätzlicher Beitrag bleibt ein zusätzlicher Beitrag.

Ein Einschnitt bleibt ein Einschnitt.

Milliarden bleiben Milliarden.

Und ein engerer Informationszugang bleibt ein engerer Informationszugang, auch wenn er mit effizienterer Verwaltung begründet wird.

Genau hier trifft der offene Brief einen wunden Punkt.

Eine politische Bringschuld besteht nicht allein darin, dieselbe Politik besser zu verkaufen.

Sie besteht auch darin, nach einer schweren Wahlniederlage zu prüfen, ob die eigene Politik möglicherweise selbst Teil des Problems ist.

Der offene Brief formuliert es ähnlich: Eine Bringschuld bestehe nicht darin, denselben Inhalt einfach noch einmal anders zu verpacken.

Das ist zugespitzt.

Aber nach einem Verlust von fast 20 Prozentpunkten ist die Frage mehr als berechtigt.

Die Menschen sehen die Rechnung

Die Bürger sehen ihre Gehaltsabrechnung.

Sie sehen ihren Krankenkassenbeitrag.

Sie sehen die Preise im Supermarkt.

Sie sehen ihre Stromrechnung.

Sie erleben, wenn ein Schwimmbad schließt.

Sie erleben, wie lange sie auf einen Arzttermin warten.

Sie wissen, wie lange sie bereits gearbeitet haben.

Sie hören, dass noch mehr gearbeitet werden soll.

Sie sehen Milliardenbeträge in den Nachrichten.

Und sie sehen, dass gleichzeitig darüber diskutiert wird, unter welchen Voraussetzungen sie künftig noch Einblick in staatliches Handeln bekommen sollen.

Man kann jeden einzelnen dieser Punkte erklären.

Man kann jeden einzelnen Punkt politisch verteidigen.

Aber man kann den Bürgern nicht vorschreiben, zu welchem Ergebnis sie danach kommen müssen.

Nicht jeder AfD-Wähler hat aus denselben Gründen gewählt. Ein Wahlergebnis von 43,8 Prozent lässt sich nicht auf Rente, Ukraine, Gesundheitskosten oder Informationsfreiheit reduzieren.

Aber genauso wenig lässt sich der Absturz der CDU auf 17,2 Prozent einfach in ein Vermittlungsproblem verwandeln.

Vielleicht haben viele Menschen längst verstanden, was ihnen angeboten wird.

Vielleicht sagen sie nicht deshalb Nein, weil man es ihnen schlecht erklärt hat.

Vielleicht sagen sie Nein, weil sie die Rechnung gelesen haben.

Meinung der Redaktion

Was die Redaktion daraus ableitet

Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft aus Sachsen-Anhalt: Politik sollte aufhören, massive Ablehnung reflexartig als Vermittlungsproblem zu behandeln.

Wer den Bürgern erklärt, sie müssten länger arbeiten, zusätzliche Beiträge schultern und sich auf Einschnitte einstellen, während gleichzeitig Milliarden für andere politische Prioritäten bereitgestellt werden, darf sich über die Frage nach der Verhältnismäßigkeit nicht wundern.

Und wer parallel darüber nachdenkt, den Zugang zu staatlichen Informationen enger zu fassen, muss erst recht damit rechnen, dass Vertrauen nicht wächst, sondern schwindet.

Es reicht nicht, jede Entscheidung einzeln zu erklären und für jede Ausgabe eine eigene Begründung vorzulegen.

Die Bürger sehen das Gesamtbild.

Sie sehen, was von ihnen verlangt wird.

Sie sehen, wofür Geld vorhanden ist.

Sie sehen, wo gespart wird und wo nicht.

Und sie dürfen daraus ihre politischen Konsequenzen ziehen.

Die Redaktion der Braker Zeitung hält deshalb die Vorstellung für falsch, man müsse den Menschen diesen politischen Kurs lediglich besser erklären. Nach einer derart schweren Wahlniederlage muss nicht nur der Kurs selbst auf den Prüfstand. Auch die Person, die für diesen Kurs steht, darf dabei nicht ausgespart werden.

Friedrich Merz war von 2016 bis 2020 Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland. Diese berufliche Vergangenheit ist keine Erfindung politischer Gegner, sondern dokumentierter Bestandteil seiner Biografie.

Dass Kritiker Merz deshalb inzwischen als „BlackRock-Kanzler“ bezeichnen, ist eine politische Zuschreibung. Sie kommt jedoch nicht aus dem luftleeren Raum.

Damit ist nicht bewiesen, dass einzelne Regierungsentscheidungen von BlackRock beeinflusst wären. Eine solche Behauptung wäre ohne Belege unseriös.

Aber die politische Frage ist legitim:

Welches Wirtschafts- und Gesellschaftsbild vertritt ein Kanzler, der von Arbeitnehmern mehr Leistung, längere Lebensarbeitszeiten und zusätzliche Belastungen verlangt, während soziale Sicherungssysteme stärker auf Kosten, Effizienz und Eigenvorsorge ausgerichtet werden sollen?

Nach einer derart schweren Wahlniederlage reicht deshalb auch die Frage nach besserer Kommunikation nicht mehr.

Man muss fragen, ob die Menschen den Kurs ablehnen.

Und man muss fragen dürfen, ob Friedrich Merz selbst inzwischen Teil des Problems ist.

Demokratie bedeutet nicht, dass Bürger einer politischen Entscheidung am Ende zustimmen müssen, wenn man sie ihnen nur oft genug, verständlich genug oder emotional genug erklärt.

Demokratie bedeutet auch, dass Bürger sagen dürfen:

Wir haben verstanden. Und genau deshalb wollen wir es nicht.

Wer diese Antwort anschließend wieder nur mit neuer Kommunikation, besserer Verpackung oder emotionalerer Ansprache beantworten will, hat möglicherweise nicht die Bürger falsch verstanden.

Sondern die Botschaft der Wahl.

Braker Zeitung · Redaktion