Wesermarsch. Das Ergebnis der Kreistagswahl 2026 lässt wenig Raum für sprachliche Beruhigungspillen. Die politischen Kräfteverhältnisse im Landkreis haben sich deutlich verändert. Die SPD bleibt stärkste Kraft. Gleichzeitig erreicht die AfD bei einer Kreistagswahl, bei der sie 2021 nicht angetreten war, 18,0 Prozent und zieht mit acht Sitzen in den neuen Kreistag ein.

Nach dem endgültigen Ergebnis waren in der Wesermarsch 71.263 Menschen wahlberechtigt. 45.075 Wähler beteiligten sich an der Kreistagswahl. Damit steigt die Wahlbeteiligung auf 63,3 Prozent. 2021 hatte sie bei 54,3 Prozent gelegen.

Das sind 9,0 Prozentpunkte mehr. Noch deutlicher wird die Veränderung beim Blick auf die Beteiligung selbst: Obwohl es gegenüber 2021 1.994 Wahlberechtigte weniger gab, gingen 5.265 Menschen mehr zur Wahl.

Das ist keine kleine Bewegung am Rand. Das ist eine deutlich stärker mobilisierte Wählerschaft.

AfD wird drittstärkste Kraft

Die AfD erhält 23.198 der insgesamt 129.131 gültigen Stimmen. Das entspricht amtlich gerundet 18,0 Prozent. Sie erhält acht der 42 ausgewiesenen Sitze und wird damit hinter SPD und CDU drittstärkste Kraft.

Dabei ist eine Unterscheidung wichtig: 23.198 Stimmen bedeuten nicht 23.198 einzelne AfD-Wähler. Bei niedersächsischen Kreistagswahlen können Wähler bis zu drei Stimmen vergeben und diese auf Listen oder einzelne Bewerber verteilen. Die amtliche Zahl bezeichnet deshalb die Summe der auf die AfD entfallenen Stimmen, nicht die Zahl der Personen, die mindestens eine Stimme für sie abgegeben haben.

Am Ergebnis ändert diese Präzisierung nichts: 18,0 Prozent der gültigen Stimmen entfallen auf die AfD.

Die SPD kommt auf 33.793 Stimmen und 26,2 Prozent, die CDU auf 30.799 Stimmen und 23,9 Prozent. Zwischen CDU und AfD liegen damit nur noch 5,9 Prozentpunkte.

Von einem politischen Randphänomen kann bei einem solchen Stimmenanteil nicht gesprochen werden.

SPD bleibt vorn und verliert trotzdem deutlich

Die SPD kann sich weiterhin stärkste Kraft nennen. Das ändert nichts daran, dass ihr Ergebnis erheblich schwächer ausfällt als vor fünf Jahren. 2021 erreichte sie noch 33,8 Prozent und 38.501 Stimmen. Jetzt sind es 26,2 Prozent und 33.793 Stimmen.

Das bedeutet: 7,6 Prozentpunkte weniger und 4.708 Stimmen weniger. Aus bislang 14 Sitzen werden elf.

Auch die CDU verliert. Sie fällt von 29,8 auf 23,9 Prozent und von 33.906 auf 30.799 Stimmen. Statt 13 Sitzen erhält sie künftig zehn.

SPD und CDU kommen damit zusammen nur noch auf 50,0 Prozent der gültigen Stimmen. 2021 waren es 63,6 Prozent. Das ist eine Verschiebung, die sich nicht wegmoderieren lässt.

FDP verliert besonders stark

Besonders deutlich fällt der Rückgang der FDP aus. Sie sinkt von 9,2 Prozent im Jahr 2021 auf 4,7 Prozent. Die Zahl ihrer Stimmen fällt von 10.459 auf 6.111. Von vier Sitzen bleiben zwei.

Das sind 4.348 Stimmen weniger. Auch hier gilt: Es handelt sich um abgegebene Listen- und Bewerberstimmen, nicht um eine entsprechende Zahl einzelner Personen.

Bemerkenswert bleibt die Entwicklung trotzdem: Die Wahlbeteiligung steigt deutlich, gleichzeitig verlieren SPD, CDU und FDP sowohl prozentual als auch bei den auf sie entfallenen Stimmen.

Grüne legen bei den Stimmen zu

Nicht jede Partei verliert. Die Grünen erreichen 18.367 Stimmen und 14,2 Prozent. Ihr Anteil sinkt zwar gegenüber 2021, als sie 15,3 Prozent erreichten. Die absolute Zahl der auf sie entfallenen Stimmen steigt jedoch um 952. Ihre sechs Sitze bleiben erhalten.

Auch die Linke legt zu: von 2.621 auf 6.198 Stimmen, von 2,3 auf 4,8 Prozent und von einem auf zwei Sitze.

Die Wählergruppen erreichen 10.665 Stimmen beziehungsweise 8,2 Prozent und erhalten drei Sitze. 2021 waren es 9,6 Prozent und vier Sitze.

Was die Zahlen zeigen und was sie nicht zeigen

Aus dem Ergebnis lässt sich keine konkrete Wählerwanderung ableiten. Wir wissen nicht, wie viele frühere SPD-, CDU- oder FDP-Wähler diesmal AfD gewählt haben. Ebenso wenig lässt sich aus den zusätzlichen 5.265 Wählern ableiten, welcher Partei sie ihre Stimmen gegeben haben.

Auch aus den 23.198 AfD-Stimmen lässt sich nicht errechnen, wie viele einzelne Personen dahinterstehen.

Was sich dagegen zweifelsfrei feststellen lässt: Die Wahlbeteiligung steigt von 54,3 auf 63,3 Prozent. Gleichzeitig erreicht die AfD 18,0 Prozent und acht Sitze. SPD, CDU und FDP verlieren deutlich an Stimmenanteil.

Diese Tatsachen brauchen weder Dramatisierung noch Beschönigung. Sie sind deutlich genug.

Meinung der Redaktion

Das Ergebnis lässt sich nicht wegmoderieren

Ein Ergebnis von 18 Prozent verschwindet nicht dadurch, dass man darüber möglichst vorsichtig spricht.

Ebenso wenig wird es verständlicher, wenn man die Wähler vorschnell etikettiert oder politische Schlagworte an die Stelle einer Analyse setzt.

Journalismus sollte zuerst feststellen, was tatsächlich passiert ist.

Mehr Menschen beteiligen sich an der Wahl. Die beiden bislang dominierenden Parteien verlieren. Die FDP verliert besonders stark. Die AfD zieht mit acht Sitzen in den Kreistag ein und wird drittstärkste Kraft.

Das sind die Fakten.

Die entscheidende politische Frage beginnt danach: Warum haben sich die Kräfteverhältnisse in der Wesermarsch so deutlich verändert?

Die etablierten Parteien können auf bundespolitische Stimmung, Protest, Unzufriedenheit oder andere Faktoren verweisen. Sie können über Ursachen streiten.

Nur eines wird schwer zu vermitteln sein: dass eigentlich nichts Besonderes passiert sei.

Denn dafür ist dieses Ergebnis zu deutlich.

Die Wesermarsch hat mit höherer Beteiligung gewählt. Die bisherigen Kräfteverhältnisse haben sich verschoben. Und die AfD sitzt künftig mit acht Mandaten und 18,0 Prozent der gültigen Stimmen im Kreistag.

Das ist keine Randnotiz. Das ist eine politische Verschiebung, mit der sich der Landkreis auseinandersetzen muss.

Braker Zeitung · Redaktion