Binnen 48 Stunden sollen Reservisten digital herangezogen werden können. Mindestens eine Woche dauerten dagegen die jüngsten IT-Probleme, von denen Reservisten der Bundeswehr betroffen waren.

Der Anspruch steht damit neben einem ziemlich handfesten Störfall.

Nach Recherchen des Handelsblatts waren Reservisten mindestens eine Woche von Problemen beim bundeseigenen IT-Dienstleister BWI betroffen. Das Unternehmen nennt inzwischen maximal 900 Betroffene. Ursache seien Performance-Probleme nach einem Update gewesen. Einen Datenverlust schließt die BWI aus. Auch einen Cyberangriff und Datenabfluss hat das Verteidigungsministerium nach bisheriger Darstellung ausgeschlossen.

900 Reservisten sind nicht die gesamte Reserve.

Aber die Bundeswehr baut gerade ein System aus, das im Ernstfall nicht nur funktionieren soll. Es muss schnell funktionieren.

Gelöscht ist nicht gestört. 60.000 sind nicht 900.

Bemerkenswert ist deshalb auch, wie stark sich das öffentliche Bild des Vorfalls innerhalb weniger Tage verändert hat.

Am 30. September war unter Berufung auf Bundeswehrkreise zunächst berichtet worden, bei einem Massendatenimport seien Datensätze von rund 60.000 derzeit nicht aktiven Soldaten gelöscht worden. Betroffene hätten unter anderem keinen Zugriff mehr auf Computer, E-Mail und den Bundeswehr-Messenger gehabt. Die BWI widersprach bereits damals zumindest dem technischen Befund. Einzelne Datensätze seien wegen eines Updates vorübergehend nicht abrufbar gewesen.

Inzwischen lautet die Darstellung: maximal 900 Betroffene, kein Datenverlust.

Das ist keine sprachliche Feinheit.

Gelöscht ist nicht vorübergehend nicht abrufbar. 60.000 sind nicht 900.

Damit ist der Vorfall kleiner geworden, als erste Berichte vermuten ließen. Erklärungsbedarf bleibt trotzdem. Welche Systeme tatsächlich betroffen waren, warum die ersten Angaben derart weit von der später genannten Zahl entfernt lagen und wie die Zahl von 900 Betroffenen ermittelt wurde, ist öffentlich bislang nicht vollständig nachvollziehbar.

Die Bundeswehr setzt auf Tempo

Ausgerechnet jetzt bekommt die Zuverlässigkeit dieser Systeme zusätzliches Gewicht.

Die Bundeswehr ordnet ihre Reserve neu. Seit September soll die bisher zeitlich begrenzte Grundbeorderung schrittweise durch eine Beorderung bis zum Ende der individuellen Dienstleistungspflicht ersetzt werden. Bis 2033 sieht der gesetzlich festgelegte Aufwuchspfad mindestens 200.000 beorderte Reservisten vor. Die Bundeswehr selbst bezeichnet eine einsatzbereite Reserve als zentral für Abschreckung, Aufwuchs und Verteidigungsfähigkeit.

Parallel wird die Heranziehung digitalisiert.

Die von der BWI entwickelte Anwendung „Meine Reserve“ soll Heranziehungsbescheide, Zielort, Startzeitpunkt und weitere Informationen digital auf das Smartphone bringen. Nach Angaben der BWI soll die Bundeswehr Reservisten dadurch innerhalb von 48 Stunden heranziehen können.

Für die aktuelle IT-Störung gibt es bislang keinen Beleg dafür, dass gerade diese Anwendung ausgefallen war.

Diese Grenze gehört zum Befund.

Der Vorfall zeigt aber etwas anderes: Je stärker die Reserve digital organisiert wird, desto mehr hängt ihr schneller Aufwuchs von funktionierenden IT-Strukturen ab.

Mehr Reservisten bedeuten mehr Daten. Mehr digitale Heranziehung bedeutet mehr Abhängigkeit von erreichbaren Systemen.

Das lässt sich nicht wegdigitalisieren.

Der Operationsplan endet nicht am Hafen

Der Vorgang reicht deshalb über einige hundert gesperrte oder beeinträchtigte Nutzerkonten hinaus.

Der Operationsplan Deutschland soll regeln, wie Deutschland im Spannungs- und Verteidigungsfall eigene und verbündete Streitkräfte unterstützt. Die Bundeswehr spricht von Hunderttausenden Soldaten, die transportiert, versorgt, geschützt und geführt werden müssen. Der Plan verbindet militärische Abläufe mit staatlichen und zivilen Strukturen.

Häfen müssen funktionieren. Schienen müssen funktionieren. Straßen müssen funktionieren.

Und die Führung muss wissen, wer wo gebraucht wird, wer verfügbar ist und wie diese Menschen erreicht werden.

Der CDU-Sicherheitspolitiker Roderich Kiesewetter stellt genau diesen Zusammenhang her. Er verweist auf die besondere Bedeutung der Reserve für den Operationsplan Deutschland und warnt vor Ausfällen zentraler Führungs- und Kommunikationsstrukturen. Marc Henrichmann fordert nach dem Vorfall gehärtete und ausfallsichere Systeme.

Das ist keine theoretische Nebenfrage.

Die Bundeswehr selbst erklärt, ohne eine starke Reserve werde Deutschland nicht verteidigungsfähig sein. Gleichzeitig soll diese Reserve in den kommenden Jahren auf mindestens 200.000 beorderte Kräfte anwachsen.

Dann wird die Belastbarkeit der dahinterliegenden IT nicht weniger wichtig.

Sondern mehr.

Eine Panne ist noch kein Zusammenbruch

Aus der mindestens einwöchigen Störung folgt nicht, dass die Reserve im Verteidigungsfall ausfallen würde.

Dafür gibt es keinen Beleg.

Ebenso wenig lässt sich aus dem Vorfall ableiten, dass der Operationsplan Deutschland nicht funktionieren würde.

Auch dafür gibt es keinen Beleg.

Aber genau hier endet die Entwarnung.

Denn ein System beweist seine Belastbarkeit nicht dadurch, dass eine Störung irgendwann behoben wird. Für den Ernstfall zählt, was während der Störung weiter funktioniert.

Welche Ersatzwege greifen, wenn reguläre IT-Systeme mehrere Tage nicht verfügbar sind, ist deshalb die entscheidende Ebene des Vorgangs. Wie werden Reservisten dann erreicht? Welche Prozesse laufen unabhängig weiter? Welche Datenbestände stehen redundant zur Verfügung? Und wie lange hält dieses Ersatzsystem durch?

Das Verteidigungsministerium verweist darauf, dass Notverfahren vorhanden seien und die Handlungsfähigkeit gewährleistet werde. Wie diese Verfahren bei einer großflächigen Heranziehung der Reserve konkret funktionieren, bleibt öffentlich jedoch weitgehend im Dunkeln.

Die eigentliche Rechnung beginnt jetzt

Die Bundeswehr baut ihre Reserve aus.

Sie digitalisiert die Heranziehung.

Sie plant für den Spannungs- und Verteidigungsfall.

Und sie will dafür Systeme schaffen, die unter Druck schneller funktionieren als die bisherigen Papier- und Telefonwege.

Dann muss genau diese digitale Kette belastbar sein.

Die aktuelle Störung ist kein Beweis für ein Versagen im Ernstfall. Sie ist aber ein belegter Hinweis darauf, wo ein solcher Ernstfall empfindlich werden kann.

Wer Reservisten binnen 48 Stunden heranziehen will, muss die Antwort auf einen mehrtägigen IT-Ausfall vor der Krise haben. Nicht währenddessen.