Am Anfang stehen ein paar Baumhöhlen. Vom heutigen 5. Oktober bis zum 18. Dezember lässt TenneT in den Landkreisen Wesermarsch und Ammerland mögliche Fledermausquartiere kontrollieren und sichern. Die Arbeiten dienen der Vorbereitung des geplanten Ersatzneubaus der bisherigen 220-kV-Leitung zwischen Conneforde und Sottrum auf 380-kV-Ebene.
In der Wesermarsch sind Grundstücke im Bereich Großenmeer betroffen. Fachleute sollen potenzielle Quartiere kontrollieren und gegebenenfalls so verschließen, dass Fledermäuse noch hinaus, anschließend aber nicht wieder hinein können. Die Tiere bekommen damit gewissermaßen eine Einbahnstraße. Denn Bäume, die später den Arbeiten im Weg stehen, könnten gefällt werden. Die Sicherung soll verhindern, dass Fledermäuse dort vorher ihr Winterquartier beziehen.
Doch wer nur auf die Fledermäuse schaut, sieht das eigentliche Projekt nicht.
Aus 220 werden 380 Kilovolt
Die bestehende Verbindung zwischen Conneforde und dem Raum Sottrum beziehungsweise Bötersen soll durch eine leistungsfähigere 380-kV-Verbindung ersetzt werden. Der aktuelle Netzentwicklungsplan führt das Vorhaben unter P119. Vorgesehen sind unter anderem die Abschnitte Conneforde, Großenmeer, Elsfleth/West sowie weiter in Richtung Werderland und Bötersen.
Für den Abschnitt Conneforde bis Elsfleth/West sind zwei Stromkreise mit jeweils rund 4.000 Ampere vorgesehen. Das ist keine Leitung für ein paar neue Windräder am Straßenrand.
Bei 380 Kilovolt entsprechen 4.000 Ampere rechnerisch einer Größenordnung von rund 2,6 Gigavoltampere je Stromkreis. Zwei Stromkreise kommen theoretisch auf mehr als fünf Gigavoltampere Übertragungsleistung. Die tatsächlich nutzbare Leistung hängt vom Netzbetrieb, der Belastung und Sicherheitsreserven ab. Die Größenordnung bleibt trotzdem eindeutig: Hier entsteht Infrastruktur für Strommengen im Gigawattbereich.
Großenmeer wird mehr als ein Maststandort
In Großenmeer plant TenneT nicht lediglich eine neue Freileitung. Dort soll ein neuer Netzverknüpfungspunkt entstehen. Bereits in früheren Bekanntmachungen bezeichnete TenneT das Vorhaben als NordWestHub. Dort sollen Offshore-Netzanbindungen, die geplante Gleichstromverbindung Rhein-Main-Link und das Wechselstromnetz miteinander verbunden werden.
Der auf See erzeugte Strom soll dort aufgenommen und anschließend unter anderem über die neue 380-kV-Achse weiterverteilt werden. Damit bekommt Großenmeer eine Rolle, die weit über die Versorgung der Wesermarsch hinausgeht.
Acht Gigawatt brauchen einen Weg
Der aktuelle Netzentwicklungsplan nennt die Größenordnung inzwischen ausdrücklich. Die Schaltanlage Großenmeer ist als Netzverknüpfungspunkt für zwei Offshore-Netzanbindungssysteme mit jeweils zwei Gigawatt vorgesehen.
Und P119 steht dabei nicht allein. Zusammen mit dem Projekt P22 und der Gleichstromverbindung DC34 soll die Infrastruktur die Grundlage schaffen, insgesamt acht Gigawatt Offshore-Windenergie in Unterweser und Großenmeer anzuschließen und überregional abzutransportieren.
Acht Gigawatt. Das ist keine Größenordnung, die noch mit dem Begriff „regionale Stromleitung“ angemessen beschrieben wäre. Die Wesermarsch wird damit Teil eines großen Transportkorridors zwischen Offshore-Erzeugung, Küstenregion und den Verbrauchsschwerpunkten weiter südlich.
Der Strom soll weiter
Einer dieser Verbrauchsschwerpunkte liegt in Bremen. Im Raum Werderland soll ein weiterer großer Netzverknüpfungspunkt entstehen. Nach den Unterlagen des Netzentwicklungsplans hat der Bremer Verteilnetzbetreiber dort eine deutliche Erhöhung der benötigten Leistung angemeldet. Als ein Grund wird ausdrücklich die geplante Umstellung des Bremer Stahlwerks auf klimafreundlichere Produktion genannt.
Das Bild wird damit klarer: Offshore-Strom kommt von der Küste. Großenmeer wird zum Knoten. Die 380-kV-Leitungen verteilen die Leistung weiter. Aus einer alten 220-kV-Verbindung entsteht Stück für Stück ein wesentlich leistungsfähigeres Rückgrat des nordwestdeutschen Stromnetzes.
Die Leitung ist älter als der Operationsplan
An dieser Stelle gehört eine klare Trennung in die Akte. Die Planung dieser Stromverbindung ist nicht mit dem Operationsplan Deutschland entstanden. P119 gehört bereits seit Jahren zur deutschen Netzausbauplanung und ist als Vorhaben 56 gesetzlich im Bundesbedarfsplan verankert. Die energiewirtschaftliche Begründung lautet vor allem: steigende Windstrommengen aufnehmen und in die Verbrauchszentren transportieren.
Zu behaupten, die 380-kV-Leitung werde für militärische Zwecke gebaut, wäre deshalb durch die bisher bekannten Unterlagen nicht gedeckt. Damit ist die militärische Frage allerdings nicht erledigt. Sie beginnt an einer anderen Stelle.
Wenn zivile Infrastruktur verteidigungswichtig wird
Der Operationsplan Deutschland sieht Deutschland im Bündnisfall als logistische Drehscheibe. Innerhalb von sechs Monaten sollen bis zu 800.000 alliierte Soldaten und 200.000 Fahrzeuge durch Deutschland bewegt und versorgt werden können. Die Bundeswehr nennt dafür ausdrücklich Straßen, Schienen, Seehäfen und Flughäfen. Ohne zivile Unternehmen und zivile Infrastruktur sei diese Aufgabe nicht zu bewältigen.
Der Operationsplan unterscheidet dabei zwischen allgemeiner kritischer Infrastruktur und verteidigungswichtiger Infrastruktur. Darunter versteht die Bundeswehr Strukturen, die Streitkräfte für Auftrag und Landesverteidigung benötigen.
Und genau hier treffen zwei Recherchen der Braker Zeitung aufeinander.
Hafen, Schiene, Strom
Im Braker Hafen übte die Bundeswehr bereits 2022 den Umschlag militärischer Fahrzeuge im Rahmen eines RSOM-Szenarios. Am Niedersachsenkai soll inzwischen für rund 153,5 Millionen Euro ein dritter Großschiffsliegeplatz mit zusätzlichen Verkehrs-, Lager- und Gleisflächen entstehen.
Die Braker Zeitung hat Niedersachsen Ports, das Land und die Bundeswehr bereits zur möglichen militärischen beziehungsweise zivil-militärischen Nutzung dieser Infrastruktur befragt. Parallel entsteht wenige Kilometer entfernt mit Großenmeer einer der leistungsfähigsten Energieknoten der Region.
Bislang gibt es keinen Beleg, dass beide Entwicklungen planerisch miteinander verbunden sind. Es gibt auch keinen Beleg dafür, dass die Bundeswehr die 380-kV-Leitung oder den NordWestHub verlangt oder deren Dimensionierung beeinflusst hat.
Aber mit dem Operationsplan Deutschland stellt sich inzwischen eine neue Frage: Welche zivile Infrastruktur im Nordwesten ist für den Verteidigungsfall inzwischen so wichtig, dass sie zugleich verteidigungswichtige Infrastruktur geworden ist?
Die Frage reicht weiter als bis zum Strommast
Eine logistische Drehscheibe funktioniert nicht allein mit Kaje, Straße und Eisenbahn. Häfen benötigen Strom. Bahnanlagen benötigen Strom. Kommunikation benötigt Strom. Kraftstofflogistik, Werkstätten, Lager, Pumpen, Beleuchtung und technische Anlagen benötigen Strom.
Dass eine leistungsfähige Stromverbindung deshalb automatisch Teil militärischer Planung ist, wäre ein unzulässiger Schluss. Dass niemand danach fragt, wäre allerdings ebenso merkwürdig.
Heute beginnt es mit Fledermäusen
Noch sieht das alles erheblich kleiner aus. Fachleute gehen über Grundstücke in Großenmeer. Sie kontrollieren Bäume, dokumentieren Höhlen und verhindern gegebenenfalls, dass Fledermäuse dort überwintern.
Das ist der sichtbare Anfang. Dahinter stehen zwei 380-kV-Stromkreise mit jeweils 4.000 Ampere, ein neuer Stromknoten, Offshore-Anbindungen und eine Infrastruktur, die zusammen mit weiteren Projekten Strom aus bis zu acht Gigawatt Offshore-Leistung aufnehmen und weitertransportieren soll.
Die Fledermäuse sind deshalb nur der erste Hinweis darauf, wie groß das Projekt tatsächlich ist.
In Großenmeer wird nicht einfach eine alte Stromleitung ersetzt. Dort entsteht ein Knoten, an dem sich künftig entscheidet, wohin ein erheblicher Teil der Energie des Nordwestens fließt – und welche Infrastruktur daran hängt.
Quellen: Landkreis Wesermarsch – Bekanntmachungen · Netzentwicklungsplan Strom – P119 · TenneT/Landkreis Wesermarsch – NordWestHub · Bundeswehr – Operationsplan Deutschland.
