BERLIN. „Jede Abschiebung ist eine Abschiebung zu viel.“ So formulierte Elif Eralp ihre Haltung im September 2026 gegenüber t-online. Auch bei verurteilten Straftätern zog sie keine andere Grenze: Straftaten sollten nach ihrer Auffassung in Deutschland verfolgt und bestraft werden. Einen Punkt, an dem jemand sein Bleiberecht verwirkt habe, verneinte sie. Gleichzeitig stellte Eralp klar, dass eine Berliner Regierung das Aufenthaltsgesetz des Bundes nicht ändern könne.

Wer diese Position für eine neue Zuspitzung im Berliner Wahlkampf hält, muss allerdings einige Jahre zurückblättern.

Denn die politische Spur beginnt nicht 2026.

2018: „Offene Grenzen“ ausdrücklich verteidigt

Bereits im Mai 2018 meldete sich Eralp in der innerparteilichen Auseinandersetzung über Migration und offene Grenzen selbst zu Wort.

In einem von den NachDenkSeiten veröffentlichten Schreiben erklärte sie, die Forderung nach offenen Grenzen stamme aus dem Parteiprogramm und dem damaligen Wahlprogramm der Linken. Sie wandte sich ausdrücklich gegen die Darstellung, diese Haltung werde lediglich von einem kleinen Kreis innerhalb der Partei vertreten.

Eralp schrieb damals über diejenigen, die diese Forderung vertreten: Sie seien eben kein „kleiner Kreis um die Parteivorsitzende“.

Das ist wichtig für die Einordnung: Die Forderung war nach Eralps eigener Darstellung keine persönliche Erfindung und auch keine politische Einzelposition. Sie verstand sie ausdrücklich als Teil einer breiter getragenen Linie innerhalb ihrer Partei.

Aber sie stellte sich ebenso ausdrücklich hinter diese Linie.

2019: LINKS*KANAX wird gegründet

Ein Jahr später wurde aus der politischen Position ein organisiertes Netzwerk.

Auf ihrer eigenen Internetseite schreibt Eralp bis heute, sie habe im Juni 2019 gemeinsam mit Mitgliedern und Freunden der Linken als Erstunterzeichnerin des Gründungsmanifests das Netzwerk LINKS*KANAX gegründet. Ihr Name steht in der veröffentlichten Liste der Erstunterzeichner.

Das Manifest formuliert seine Ziele deutlich.

Das Netzwerk wollte sich für „demokratischen Sozialismus“ und „globale Bewegungsfreiheit“ einsetzen. Zugleich kritisierte es ausdrücklich Parteimitglieder, die die Forderung nach „offenen Grenzen für alle Menschen“ infrage stellten.

Noch konkreter wurde es bei Abschiebungen.

Bundesländer mit linker Regierungsbeteiligung sollten nach dem Manifest alle bislang nicht genutzten Spielräume ausschöpfen, um Abschiebungen zu verhindern und ein Bleiberecht durchzusetzen.

Sieben Jahre später sagt Eralp: „Jede Abschiebung ist eine Abschiebung zu viel.“

Der Satz von 2026 fällt damit nicht aus heiterem Berliner Himmel.

2020: Dann fällt der Satz vom „Sturz“

Am 10. Januar 2020 erschien ein weiterer Text. Titel: „Für eine antirassistische und migrantische Klassenpartei“

Das Papier verstand sich ausdrücklich als Beitrag zur Strategiedebatte der Linken. Unter den Unterzeichnern findet sich auch: „Elif, Eralp, Linke Berlin“.

Der Text fordert unter anderem Wahlrecht für Migranten, Bleiberecht, die Legalisierung des Aufenthalts aller Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus sowie einen vereinfachten Zugang zur Einbürgerung.

Dann kommt der Satz, der heute besondere Aufmerksamkeit verdient.

Migranten sollten nicht als Opfer, sondern als „Klassenschwestern und -brüder“ betrachtet werden, mit denen man gemeinsam „das kapitalistische System stürzen“ wolle. Dies müsse, so heißt es unmittelbar anschließend, die „Handlungsmaxime“ sein.

Das steht dort.

Nicht in einem TikTok-Zusammenschnitt. Nicht als nachträgliche Interpretation eines politischen Gegners. Nicht als Hörensagen.

In einem weiterhin öffentlich erreichbaren Text aus dem Januar 2020. Und Eralps Name steht unter den Unterzeichnern.

Mitunterzeichnet ist nicht selbst geschrieben

An einer Stelle muss allerdings sauber getrennt werden.

Aus der Unterzeichnung des Papiers folgt nicht, dass Eralp den Satz selbst formuliert oder den gesamten Text persönlich geschrieben hat. Das Dokument weist mehrere Unterzeichner aus und nennt außerdem das Netzwerk LINKS*KANAX. Ebenso enthält die Formulierung vom „Sturz des kapitalistischen Systems“ für sich genommen keine Aussage darüber, mit welchen Mitteln eine solche gesellschaftliche Veränderung erreicht werden sollte. Gewalt oder andere rechtswidrige Mittel werden in dem betreffenden Abschnitt nicht gefordert.

Der belegbare Befund ist deshalb präziser und zugleich stark genug:

Eralp setzte 2020 ihren Namen unter einen politischen Strategietext, der den gemeinsamen „Sturz des kapitalistischen Systems“ zur Handlungsmaxime erklärte.

Mehr muss man daraus nicht machen. Weniger allerdings auch nicht.

Drei Jahre, eine erkennbare Linie

Legt man die Dokumente nebeneinander, entsteht eine Chronologie.

2018 verteidigt Eralp die Forderung nach offenen Grenzen. 2019 gehört sie zu den Erstunterzeichnern eines Netzwerks, das „globale Bewegungsfreiheit“ fordert und politische Spielräume nutzen will, um Abschiebungen zu verhindern. 2020 steht ihr Name unter einem Papier, das Bleiberecht, die Legalisierung des Aufenthalts von Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus und den vereinfachten Zugang zur Einbürgerung fordert und schließlich vom gemeinsamen „Sturz des kapitalistischen Systems“ spricht. 2026 erklärt Eralp schließlich öffentlich, jede Abschiebung sei eine zu viel.

Dabei ist ebenso festzuhalten: Die damalige Forderung nach offenen Grenzen stand nicht außerhalb der Linken. Eralp selbst verwies schon 2018 darauf, dass sie aus der Programmatik ihrer Partei stamme. LINKS*KANAX ist heute weiterhin als Zusammenschluss innerhalb der Linken präsent und tritt nach eigener Darstellung für gleiche soziale und politische Rechte unabhängig von Staatsangehörigkeit, Herkunft oder Aufenthaltsstatus ein.

Das ändert den Befund nicht. Es ordnet ihn ein.

Die Vergangenheit steht noch im Netz

Eralp ist Volljuristin, seit 2021 Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und trat 2026 als Spitzenkandidatin der Linken zur Abgeordnetenhauswahl an. Ihre parlamentarische Biografie ist öffentlich dokumentiert.

Öffentlich dokumentiert ist inzwischen aber auch eine andere Biografie: ihre politische.

Man muss dafür keine geheimen Akten öffnen und keine alten Aussagen aus dunklen Archiven rekonstruieren.

Die Dokumente stehen im Netz. Teilweise bis heute auf Eralps eigener Internetseite.

Man muss sie nur lesen.