Brake – Die bisher nur allgemein bestätigte militärische Übungsnutzung des Braker Hafens lässt sich jetzt konkret auf das Jahr 2022 datieren. Das Marinekommando verwies auf eine Veröffentlichung der Bundeswehr zur Feldeinsatzübung „Starker Pegasus“. Die Übung fand vom 13. bis 24. Juni 2022 statt und diente der Vorbereitung logistischer Abläufe für die Landes- und Bündnisverteidigung.

Im zivilen Binnenhafen Brake trainierten Soldaten des Logistikbataillons 163 RSOM das sogenannte LoLo-Verfahren, also die Be- und Entladung eines Schiffes per Kran. Nach der Bundeswehr-Dokumentation wurden mehrere ungeschützte Transportfahrzeuge in ein Schiff gehoben und anschließend wieder herausgehoben. Ein unbeladener Lastwagen wog dabei annähernd 15 Tonnen. Damit ist der militärische Fahrzeugumschlag im Braker Hafen für Juni 2022 durch eine Primärquelle der Bundeswehr dokumentiert.

Gelöbnis unabhängig von aktuellen Infrastrukturvorhaben

Auch zur Entstehung des Gelöbnisses präzisiert die Marine den bisherigen Stand. Nach ihrer Antwort ging die Wahl Brakes auf eine Initiative von Michael Kurz, Bürgermeister von Brake, und von Haaren, dem Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung Bremerhaven, zurück. Der Kommandeur der Marineoperationsschule habe sich unter Berücksichtigung der historischen Verbindung beider Städte durch die erste deutsche Bundesflotte für Brake entschieden.

Für die Ausgangsfrage der Recherche ist die Antwort zu den Beweggründen besonders relevant: Die Entscheidung sei „unabhängig von aktuellen Vorhaben oder Positionen zur maritimen (militärischen wie zivilen) Infrastruktur“ gefallen. Damit bestätigt die Marine keinen Zusammenhang zwischen dem Gelöbnis und aktuellen Planungen für den Braker Hafen.

Seitens der Marineoperationsschule sind nach Angaben des Marinekommandos derzeit weder weitere Vereidigungen oder Gelöbnisse noch Übungen oder vergleichbare Vorhaben in Brake vorgesehen. Das steht nicht im Widerspruch zu der Aussage über mögliche künftige Übungen einer maritimen Umschlaggruppe: Die Marine unterscheidet hier zwischen Vorhaben der Marineoperationsschule und der früheren Nutzung des Hafens durch die Umschlaggruppe.

Landeskommando nennt militärische und operative Sicherheit

Anders fällt die Antwort des Landeskommandos Niedersachsen aus. Eine konkrete Einordnung des Seehafens Brake nimmt die Bundeswehr nicht vor. Oberstleutnant Gilles Seifert teilte mit, man äußere sich grundsätzlich nicht zur konkreten Bedeutung einzelner Seehäfen oder anderer geografischer Punkte im Rahmen verteidigungsbezogener Überlegungen. Faktoren wie Lage, Größe oder Infrastruktur könnten dabei grundsätzlich von Bedeutung sein. Konkrete Aussagen zur Rolle oder Priorisierung einzelner Orte seien jedoch aus Gründen der militärischen und operativen Sicherheit nicht möglich.

Auch zu vertraulichen Gesprächen auf Landes- sowie Kommunalebene macht das Landeskommando keine Angaben. Diese Antwort ist weder eine Bestätigung noch eine Verneinung einer konkreten Rolle Brakes. Sie bedeutet aber, dass die Frage, ob der Braker Hafen in Planungen zu Host Nation Support, Operationsplan Deutschland oder militärischer Logistik berücksichtigt wird, durch das Landeskommando als angefragte militärische Stelle öffentlich nicht beantwortet wird.

Der sicherheitspolitische Hintergrund bleibt davon unabhängig dokumentiert. Deutschland baut Personal und Reserve für die Landes- und Bündnisverteidigung aus. Beim Host Nation Support geht es unter anderem darum, eigene und verbündete Streitkräfte durch Deutschland zu bewegen, zu versorgen und zu schützen. Häfen, Bahnlinien und weitere Verkehrsinfrastruktur können dabei grundsätzlich relevant sein. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass Brake selbst eine konkrete Funktion zugewiesen wurde.

Wilhelmshaven bleibt Teil der regionalen Einordnung

Auch die geografische Lage bleibt für die Einordnung relevant. Wilhelmshaven ist ein zentraler Marinestandort mit Marinestützpunkt und Einsatzflottille 2. Die Marineoperationsschule, deren Rekruten in Brake antraten, sitzt in Bremerhaven. Emden war 2026 Ausgangspunkt militärischer Bewegungen im Rahmen der NATO-Übung Steadfast Dart. Brake liegt damit in einer norddeutschen Küstenregion, in der maritime Wirtschaft, militärische Standorte und Logistik räumlich eng nebeneinanderliegen.

Diese Nähe ist kein Beleg für eine militärische Funktion Brakes. Sie erklärt aber, warum die Frage nach der möglichen Bedeutung eines leistungsfähigen Seehafens in der Wesermarsch journalistisch überprüfbar und nicht allein aus dem Gelöbnis abzuleiten ist.

„Starker Pegasus“: Fahrzeugumschlag im Binnenhafen dokumentiert

Die Bundeswehr veröffentlichte am 30. Juni 2022 einen ausführlichen Bericht über „Starker Pegasus“. Für den Seetransport nennt sie ausdrücklich den Binnenhafen in Brake. Dort wurde mit zwei Kränen das Be- und Entladen eines Schiffes geübt. Mehrere Bundeswehr-Transportfahrzeuge wurden dafür in das Schiff gehoben und wieder herausgehoben. Die Übung bildete den RSOM-Prozess ab, also die Aufnahme, Zusammenführung und Weiterverlegung von Personal, Fahrzeugen und Material.

Das Marinekommando hatte zunächst lediglich mitgeteilt, der Braker Hafen sei in der Vergangenheit „vereinzelt für Übungen der maritimen Umschlaggruppe genutzt“ worden. Auf die Nachfrage nach Zeitraum und Inhalt verwies Stabsbootsmann Sascha Jonack nun auf die Bundeswehr-Dokumentation von 2022. Zugleich teilte er mit: Bis dato seien keine weiteren Übungsvorhaben in Brake bekannt.

Marine verweist zusätzlich auf Bericht der Nordsee-Zeitung

Als weiteren Beleg übersandte das Marinekommando einen Beitrag der Nordsee-Zeitung mit dem Titel „Landkreis Wesermarsch wird Schauplatz von Bundeswehr-Übung“. Jonack bezeichnete diesen in seiner Antwort als Bericht aus dem Jahr 2024. Auf der derzeit öffentlich abrufbaren Artikelseite ist jedoch kein Veröffentlichungsdatum erkennbar. Der Text beschreibt ein Manöver in der Wesermarsch bis zum 24. Juni und die Verlegung von Soldaten und Material.

Die Braker Zeitung übernimmt die Jahresangabe 2024 deshalb vorerst nicht als verifiziert. Das Veröffentlichungsdatum wird direkt bei der Nordsee-Zeitung überprüft. Inhaltlich weist der Beitrag deutliche Bezüge zur Übung „Starker Pegasus“ auf; die zeitliche Zuordnung des konkreten Zeitungsartikels bleibt bis zur Rückmeldung der Redaktion offen.

NPorts: Aussage seit 2022 jetzt erklärungsbedürftig

Niedersachsen Ports hatte auf die konkrete Frage, ob seit Beginn des russischen Angriffskrieges im Jahr 2022 Güter, Fahrzeuge oder sonstige Ladungen für die Bundeswehr, verbündete Streitkräfte oder im Auftrag von Rüstungsunternehmen über Brake umgeschlagen wurden, mit „Nein“ geantwortet. Die Bundeswehr dokumentiert dagegen für Juni 2022 die Be- und Entladung eines Schiffes mit mehreren militärischen Transportfahrzeugen im Braker Binnenhafen.

Ob Niedersachsen Ports bei seiner Antwort zwischen regulärem Hafenumschlag und einer Be- und Entladung im Rahmen einer militärischen Übung unterscheidet, ist bislang nicht geklärt. Deshalb wird aus den beiden Angaben noch kein Vorwurf abgeleitet. Fest steht jedoch: Die Bundeswehr-Dokumentation macht eine sachliche Abgrenzung der NPorts-Antwort erforderlich.

Gleichzeitig bestätigt Niedersachsen Ports einen Austausch mit Land und zuständigen Stellen des Bundes über die Entwicklung der niedersächsischen Hafeninfrastruktur. In diesem Zusammenhang seien den Bundesstellen die niedersächsischen Hafenstandorte und ihre jeweiligen infrastrukturellen Möglichkeiten vorgestellt worden. Daraus folgt keine Aussage, dass Brake bereits konkret für militärische Transporte vorgesehen ist. Es belegt aber, dass die infrastrukturellen Fähigkeiten der niedersächsischen Häfen gegenüber Bundesstellen dargestellt wurden.

Für Brake selbst betont Niedersachsen Ports, die laufenden und künftigen Investitionen dienten der langfristigen Leistungsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit des Hafens. Genannt werden unter anderem der dritte Liegeplatz am Niedersachsenkai mit zusätzlichen Verkehrs- und Gleisanlagen, der Ausbau der Hafenbahn, zusätzliche Lager- und Verkehrsflächen sowie die neue Ringstraße für den Schwerlastverkehr. Diese Maßnahmen seien ausdrücklich nicht auf einen einzelnen Nutzer oder Verwendungszweck ausgerichtet. Zugleich verweist Niedersachsen Ports auf einen fortlaufenden Verbesserungsprozess bei Sicherheitsmaßnahmen. Geprüft werden derzeit auch technische Systeme zur Drohnendetektion.

Besonders deutlich fällt die Antwort auf die vierte Frage aus: Niedersachsen Ports beschreibt Brake als leistungsfähigen, trimodal angebundenen Universal- und Spezialhafen mit kurzen Wegen, flexiblen Umschlagstrukturen und enger Verzahnung von Wasser, Schiene und Straße. Wörtlich heißt es, der Hafen sei „somit geeignet, auch militärische Güter umzuschlagen“. Zusätzlich verweist die Hafengesellschaft auf die systemrelevante Rolle Brakes bei Agrar- und Futtermitteln für die Versorgung von Bevölkerung und Wirtschaft.

Hafenakteure: J. MÜLLER verneint regelmäßige Umschläge

Bereits zuvor hatte J. MÜLLER einen zentralen Punkt der Recherche klar zurückgewiesen. Auf die Frage, ob über vom Unternehmen betriebene Anlagen im Seehafen Brake regelmäßig Rüstungsgüter, militärische Fahrzeuge oder andere entsprechende Ladungen umgeschlagen würden, antwortete Unternehmenssprecher Uwe Schiemann: „Nein, die Aussage ist falsch.“ Damit widerspricht J. MÜLLER ausdrücklich einer zuvor veröffentlichten Fachmedien-Darstellung, die die Braker Zeitung überprüft hatte.

Konkrete direkte Vertragsverhandlungen über eine stärkere militärische oder verteidigungsbezogene Nutzung gebe es von Unternehmensseite derzeit ebenfalls nicht. Für Aussagen zum öffentlichen Hafen insgesamt verweist J. MÜLLER auf das Land Niedersachsen und Niedersachsen Ports. Die aktuelle Entwicklung der eigenen Breakbulk-Aktivitäten führt das Unternehmen weitestgehend auf die Energiewende zurück, insbesondere auf Windkraftkomponenten und weitere Energieprojekte. Hinzu kämen veränderte Warenströme aufgrund zunehmender Niedrigwasserprobleme auf Rhein und Nebenflüssen.

Was damit klarer wird und was offen bleibt

Die ursprüngliche Vermutung, das Gelöbnis selbst könne ein sichtbares Zeichen einer aktuellen strategischen Aufwertung Brakes sein, wird durch die Marineantwort weiter geschwächt. Die Entscheidung für Brake sei historisch begründet und unabhängig von aktuellen militärischen oder zivilen Infrastrukturvorhaben gefallen.

Davon getrennt ist die militärische Nutzbarkeit des Hafens inzwischen konkret belegt: 2022 übte die Bundeswehr im Braker Binnenhafen den Umschlag eigener Transportfahrzeuge per Schiff. NPorts hält Brake zudem grundsätzlich für geeignet, auch militärische Güter umzuschlagen. Nicht belegt ist weiterhin, dass Brake aktuell in Host Nation Support, Operationsplan Deutschland oder andere konkrete Bundeswehr- und NATO-Abläufe eingeplant ist. Nach aktueller Auskunft des Marinekommandos sind derzeit keine weiteren Übungsvorhaben in Brake bekannt.